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Destiny, The Division: 1000 Stunden Spielzeit und trotzdem enttäuscht

In Destiny und The Division haben Spieler 1000 Stunden verbracht und sind nun trotzdem enttäuscht. Woran liegt das?

Wenn man sich in den Foren von Destiny und The Division umschaut, trifft man immer wieder auf Spieler, die weit über 1000 Stunden in den Welten verbracht haben, aber bitter enttäuscht sind. Die Kritik lässt sich so zusammenfassen:

Das Spiel hat so viel Potential, aber es passiert einfach zu wenig damit. Es ist zu oft dasselbe, zu wenig Weiterentwicklung, zu wenig Neues.

Die Spieler haben das Gefühl, dass es alles in allem eine Enttäuschung war, obwohl sie so wahnsinnig viel Zeit mit dem Spiel verbracht haben.

Bei anderen Spielen wie Horizon: Zero Dawn sind Spieler hingegen nach 60 oder 70 Stunden mit dem Game fertig, sind zufrieden, ziehen weiter, schwärmen von ihren Stunden in der Welt und empfehlen es glühend weiter.

horizon-zero-dawnWoran liegt das? Warum sind Spieler nach 1000 Stunden Destiny oder The Division unzufrieden, nach 70 Stunden Horizon: Zero Dawn aber glücklich?

Es liegt daran, dass Destiny und The Division „MMO-Hybriden“ sind, die zwischen zwei Spiele-Modellen liegen.

Zwei Spiele-Modelle – Film vs. Serie, Retail-Spiel vs. Games as a service

Klassische Spiele wie Horizon: Zero Dawn, Assassin’s Creed oder The Witcher werden nach dem Retail-Modell, nach dem „Film“-Modell, veröffentlicht:

  • Es kommt ein großer Hype zum Release – da ist die Hauptveröffentlichung
  • Dann erscheinen einige DLCs, Updates und vielleicht eine große Erweiterung
  • Und danach ist Schluss – das Game wird nicht mehr weiterentwickelt. Das bleibt so, wie es ist.
  • Die Spieler warten auf das Sequel, die Fortsetzung der Franchise. Bis zum nächsten Teil können Jahre vergehen – oder es kommt gar nichts mehr.

The Witcher 3 Wild HuntDas ist dasselbe Modell wie bei „Filmen“. Der große Kinostart macht das meiste aus, danach gibt’s nur noch kleinere Hüpfer, wenn der Film auf DVD, ins Pay-TV oder ins Free-TV kommt. Vielleicht kommt noch eine Sonder-Edition mit ein paar zusätzlichen Szenen, einem Director’s Cut, aber im Prinzip war’s das.

Die Spieler erleben ihr Spielerlebnis als “Anfang-Mitte-Ende” und sind zufrieden, wenn sie am Ende angekommen sind.

Der andere Ansatz ist der, den „MMOs“ oder „Games as a Service“ wie WoW, LoL, Final Fantasy XIV oder The Elder Scrolls Online pflegen:

  • Es erscheint das Grundspiel – das ist die Hauptveröffentlichung
  • Und dann erscheinen regelmäßig DLCs, Patches und Updates
  • Nach einer Weile kommt vielleicht eine „große Erweiterung“, die vom Umfang fast so groß ist wie das Hauptspiel.
  • Und danach geht es immer weiter – es gibt kein Ende, das Spiel wird endlos fortgesetztDestiny-Bladedancer-Dunkelheit-lauert-970x500

Das ist dasselbe Modell wie bei TV-Serien, wie Game of Thrones oder Breaking Bad.

Da kann es sein, dass der „Hype“ mit den Jahren immer stärker wird. Dass die Staffel 3 mehr Zuschauer hat als die Staffel 1 – bei guten “Games as a service”-Spielen ist das auch so.

Bei Destiny und The Division fehlt das Ende

Wenn’s gut läuft, erleben die Spieler eine “Staffel” hier auch als Anfang-Mitte-Ende, haben aber nach dem Ende einer Staffel noch Lust auf die nächste, weil noch Fragen offen sind.

Da Destiny und The Division irgendwo zwischen beiden Modellen liegen, wird das Spiel als “Anfang-Mitte-und das war’s” wahrgenommen. Ein Ende fehlt – auf das warten Spieler seit Jahren. Dadurch entsteht diese Unzufriedenheit.

Game of Thrones

Spieler erwarteten “Serie”, bekamen Film

Das Problem bei Destiny und The Division ist es, dass beide Spiele als „TV-Serie“ verkauft wurden, nun aber wie „Filme“ ablaufen. Der erste Teil ist rum, nun warten wir auf den zweiten.

Die Spieler sind aber von Beginn an mit einer anderen Erwartungshaltung an Destiny und The Division herangetreten. Bei Destiny erwarteten viele ein Spiel, das 10 Jahre dauern soll.

Und Destiny scheint auch so aufgebaut zu sein: Wie ein riesiges Universum, in dem noch so viel passieren kann. Die Spiel-Mechaniken sind modular angelegt, als warteten sie nur darauf, ewig erweitert zu werden:

  • Das Level kann immer noch mal steigen,
  • es können aufregende, frische Waffen ins Spiel kommen,
  • neue Feinde auftauchen,
  • die Story kann sich ins Unendliche spinnen.

Es könnte doch so schön sein

Die Spieler malen sich die Zukunft in den tollsten Farben aus:

  • Es könnte doch Raumkämpfe geben.
  • Man könnte doch in seinem Schiff wohnen!
  • Es könnte doch auch in London oder Paris dieser Virus auftreten?division-agent-exotic

Ach, was man alles in Destiny oder The Division tun könnte!

“Hier passiert noch eine Menge mehr!”, scheinen uns beide Spiele zuzurufen. Doch dann passiert eben nichts mehr. Das trägt zum andauernden Gefühl bei, vom Spiel enttäuscht zu werden.

Destiny und The Division kratzen bislang nur an der Oberfläche ihrer Welten

Destiny-Spieler haben den Eindruck, nur an der Oberfläche gekratzt zu haben und dass es jeden Moment weitergehen könnte mit Enthüllungen um den Reisenden, mit weiteren Planeten, die sich öffnen, mit neuen Geschichten um die Königin der Erwachten und so viel mehr.

Destiny-Spieler haben das Gefühl, nur die erste Staffel einer Serie gesehen zu haben, auf deren Fortsetzung sie seit Jahren warten. Aber die kommt nicht.

Auch bei The Division ist dieses Gefühl da und es ist stark, obwohl The Division noch viel eher wie ein klassisches Spiel aufgebaut ist als Destiny. Aber auch hier warten die Fans darauf, neue Gebiete von New York zu entdecken, in den Central Park zu gelangen, die Jagd nach dem abtrünnigen Agenten Keener aufzunehmen.

Bei beiden Spielen ist es den Entwicklern gelungen, eine lebendige Welt zu entwickeln, in der Spieler Abenteuer erleben wollen. Doch die Abenteuer sind zu Ende. Sie sollen in beiden Spielen mit einem „Teil 2“, einem Sequel, fortgesetzt werden und das dauert den Spielern viel zu lange.

destiny-reisenderAm Wechsel zum “Live-Game” ist Bungie gescheitert

Bei Destiny ist gut zu erkennen, dass man ursprünglich einen anderen Plan hatte: Bungie wollte Destiny viel mehr wie eine „Serie“ entwickeln, mit dicht gedrängten Releases von neuem Content. Destiny 2 sollte sich an Destiny 1 anschließen, ohne eine lange Content-Pause dazwischen. Doch das ging schief, weil sich die einzelnen Bauteile verschoben haben, weil man nicht schnell genug Nachschub liefern konnte.

Bungie hatte keine Erfahrung mit einem sogenannten „Live-Spiel“, mit einer Serie. Bungie war ein „Film“-Studio, das immer von Release zu Release dachte. Da ist eine Verspätung nicht das Problem, dann warten die Spieler eben ein Jahr länger auf den neuen Release. Tritt bei einem “Live-Spiel” eine solche Verspätung auf, dann führt das zu Content-Dürren. Die Spieler sind enttäuscht und sauer.

destiny-hüter-vexFrüher konnten bei Bungie die Mitarbeiter nach einer Veröffentlichung längere Pausen einlegen und sich erholen. Nun hieß es „Nach dem Update ist vor dem Update.“ Es muss immer weitergehen.

Daran ist Bungie klar gescheitert. Das dürfte auch Harold Ryan, den Studio-Chef, seinen Job gekostet haben. Aber das ist Spekulation, in die Internas gewährt Bungie keinen Einblick.

Klar ist: Bungie musste von einem Studio, das von Release zu Release dachte, zu einem Studio werden, das ein “Live-Game” unterhält. Dazu braucht es andere Strukturen, andere Arbeitsabläufe, eine andere Kommunikation mit den Fans.

Diese Umstrukturierung des Studios haben wir in den letzten Jahren von außen erlebt. Der Preis, den die Spieler dafür zahlen, ist diese lange Durststrecke, die von September 2015 bis September 2017 dauern wird.

Bei Destiny wissen wir, wie der ursprüngliche Plan aussah und wie er sich im Laufe der Jahre geändert hat.

Destiny Leak Zeitplan

Bei The Division wirken die Entwickler nach dem Ende von Jahr 1 oft ratlos

Bei Destiny ist vieles bekannt. Bei The Division ist hingegen unklar, wie der Plan fürs Spiel einmal ursprünglich ausgesehen hatte.

Es kann gut sein, dass The Division einmal ganz anders geplant war und Ubisoft das Spiel in Richtung „Destiny“ drehen wollte, um auch ein Stück von dem schmackhaften „Games as a service“-Kuchen abzukriegen, nachdem klar wurde, wie viel Geld Activision mit Destiny verdient.

Vielleicht wollte man bei The Division auch nur die klassische Formel anwenden mit „Teil 1, Erweiterungen, dann Teil 2“ und war überrascht, wie gut die Welt von The Division funktionierte.

Vielleicht hatte Ubisoft gar keine Pläne für ein Jahr 2 vorbereitet. Jedenfalls wirken die Entwickler in letzter Zeit derart ratlos, dass es den Anschein macht.

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Wie ein Gastgeber, dessen Gäste einfach nicht gehen wollen

Die ersten Jahre von Destiny und The Division zeigen, was passiert, wenn man eine Serie verspricht, die Welt dementsprechend anlegt und dann einen Film liefert: Die Spieler verbringen Stunden um Stunden in der Welt, weil sie von ihr fasziniert sind, aber es gehen die Abenteuer aus. Das Erlebnis wirkt leer und trist, als hätte man alles schon x-mal gesehen.

Irgendwo hab ich mal den Vergleich gelesen, dass Bungie zurzeit wie ein Gastgeber ist, der ins Bett will, dessen Gäste aber bleiben und weiterfeiern möchten. Weil diese Party aber einfach nicht kommt, werden die Gäste sauer und sind enttäuscht. Auch wenn die 1000 Stunden vorher durchaus angenehm waren.

Wie geht es nun weiter bei Destiny und The Division?

Das Gute bei Destiny ist, dass die Fortsetzung mit Destiny 2 jetzt in greifbare Nähe rutscht und das Studio wohl diesen Transformations-Prozess von einem „Film“- zu einem „Serien“-Studio hinter sich hat. Jedenfalls verspricht Activision das zwischen den Zeilen seit Jahren. Bungie hat kräftig Personal aufgestockt, intern an den Prozessen wohl viel gemacht und gearbeitet.

Ab Destiny 2 verspricht Activision einen “besseren und stetigen Content-Fluss.” Übersetzt: Destiny 2 soll dann noch mehr wie eine Serie werden.

division-agenten-darkWie die Zukunft bei The Division aussieht, ist aktuell noch unklar. Da dringen überhaupt keine Signale nach außen. 2 kostenlose Updates in 2017 – das ist den Spielern viel zu wenig. Bei The Division scheint die große Content-Dürre, die wir bei Destiny zwei Jahre erlebt haben, nun erst bevorzustehen. Man darf gespannt sein, wie The Division mit den neuen Herausforderungen umgeht. Es wird wahrscheinlich – wie bei Destiny – lange dauern, bis eine Kurskorrektur und Wandlung vollzogen ist.

Und auch bei Destiny haben wir nur Versprechungen. Liefern muss Bungie noch.


Mit dem Vergleich, wie sich The Division und Destiny nach dem Release entwickelt haben, beschäftigen wir uns in diesem Artikel:

The Division profitiert nicht so von DLCs wie Destiny – So war das Interesse nach Release

Schuhmann

Schuhmann, das L steht für Niveau.