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MMORPG Zukunft

Das westliche MMORPG ist tot und Ihr seid schuld

„Sind wir etwa nicht mehr hübsch genug?“ - Warum keiner mehr mit uns spielen möchte

Nach dem Ende von Blizzards Titan ist für die nächsten Jahren kein großes westliches MMORPG mehr angekündigt. Was hat den MMORPG-Markt so ausgetrocknet? Zum Teil sind es auch die Spieler, denken wir.

Im April und Juni 2014 erschienen mit The Elder Scrolls Online und WildStar die vielleicht letzten großen westlichen MMORPGs auf absehbare Zeit. Seitdem fragen sich Fans des Genres: „Wo ist das nächste Spiel, auf das ich warten kann? Was ist in der Pipeline?“ Und die Antwort muss im Moment sein: „Eigentlich nichts.“ Ein völlig neuer Zustand für MMORPG-Fans, die es gewohnt waren, dass um ihre Aufmerksamkeit von gleich mehreren Bewerbern gebuhlt wird.

Seit das Genre begann, gab es immer etwas, auf das die Genrefans warten konnten. Meist war schon im nächsten Jahr der Hoffnungsträger zu erwarten. Die Geschichte der westlichen MMORPGs ist voll mit „dem nächsten Ding, dem nächsten großen Titel.“

Everquest und World of Warcraft

Everquest und World of Warcraft – 2 MMORPGs, die das Genre prägten.

Früher standen die Verehrer doch Schlange …

Nach Meridian59 kam Ultima Online kam Everquest kam Dark Age of Camelot kam Star Wars Galaxies kam World of Warcraft kam Herr der Ringe Online kam Warhammer Online kam Final Fantasy XIV kam Rift kam Star Wars: The Old Republic kam Guild Wars 2 kam The Elder Scrolls Online kam WildStar. Und zahlreiche andere Titel, auch wichtige Titel, lagen dazwischen.

Jedes Mal, wenn das neue Game dann doch nicht den Erwartungen entsprach, konnte man sich auf das nächste freuen. Das würde dann das entscheidende Feature mehr haben. Man freute sich auf die nächste, auf die bessere Partie, die alles richtig machen würde, viel netter, viel aufmerksamer, viel reifer als das letzte „Ex“-Game wäre. Aber jetzt gibt es offenbar kein „nächstes“ mehr.

Freilich einige kleine Hoffnungsschimmer glitzern schon noch. Wir haben die 5 aussichtsreichsten MMORPGs der nächsten 2 Jahre vorgestellt.

Doch mit den Querelen der jüngsten Zeit um das ehemalige „Sony Online Entertainment“ ist der hellste Hoffnungsschimmern mittlerweile auf ein Glimmen heruntergedimmt. Schon unter dem Artikel wurden wir gefragt, warum wir die „aussichtsreichsten“ Spiele nicht „aussichtsreicher“ darstellten, sondern ein recht nüchternes Bild von Black Desert, Bless, Skyforge und den anderen Titel zeichneten.

Warum macht keiner mehr MMORPGs für uns?

Wenn man sich anschaut, welche großen westlichen MMORPGs 2014 erschienen, kommt man auf zwei Spiele: The Elder Scrolls Online und WildStar.

TESO vs WildStar

2014 gab es gleich zwei hochkarätige Herausforderer. Letzten Endes für viele aber Enttäuschungen.

[intense_blockquote color=“#ffffff“ border_color=“#fa2f2f“ width=“40%“ rightalign=“1″]MMORPG-Spieler denken, sie wären die Schulschönheit, die zwischen 300 Bewerbern die Auswahl hat, mit wem sie in die Eisdiele geht. [/intense_blockquote]Wenn man aber schaut, welche Maßstäbe und Ausschlusskriterien MMORPG-Fans anlegen, könnte man meinen, es wären 20 Spiele erschienen, aus denen man sich das richtige herauspicken konnte. MMORPG-Spieler denken, sie wären die Schulschönheit, die zwischen 300 Bewerbern die Auswahl hat, mit wem sie in die Eisdiele geht. So wie es all die Jahre war, in denen die Studios versuchten, sich eine Scheibe vom WoW-Kuchen abzuschneiden und die MMORPG-Zielgruppe umschwärmten.

Mittlerweile sieht die Realität aber anders aus: Wir sind nicht mehr die umschwärmte Schönheit, sondern wir sind zickig und keiner mag uns.

Aber wie gehen wir mit den wenigen Bewerbern um unsere Aufmerksamkeit um?

The Elder Scrolls Online wurde von vielen MMORPG-Fans rasch abgetan, kaum eines Blickes gewürdigt: Keine offene Welt? Komischer Single-Player-Titel, der es als MMORPG versucht? Urks, was ist das denn für ein Kampfsystem? Nichts für mich! Der nächste bitte!

WildStar

Da hilft nur noch Verstecken!

WildStar hatte bei vielen noch schlechteren Karten: Kiddy-Grafik? Weltraumkram? Hardcore-Zeug? WoW-Klon! Ich bin raus. Der nächste bitte! Und da war das Wartezimmer auf einmal leer.

Aber was würdet Ihr denn machen, wenn Ihr zehn Mal versucht habt, mit dem hübschen Mädchen auszugehen und zehnmal hat sie Euch einen Korb gegeben, weil Ihr irgendwas falsch gemacht habt? Es ein elftes Mal versuchen? Oder einfach eine andere ansprechen?

MMORPGs müssen Spieler finden, um zu überleben

Wenn diese großen Games mit hoher Entwicklungszeit und hohem Budget ihre „eigentliche“ Zielgruppe nicht erreichen können, dann ist es doch nur logisch, dass andere Studios im nächsten Jahr nicht noch mal dasselbe versuchen. Es wäre wirtschaftlicher Wahnsinn auf Kassengift zu setzen.

Überhaupt sind MMORPGs die Königsklasse der Spiele-Entwicklung. Über Jahre arbeiten die Studios an ihnen, müssen unzählige Features einbauen, eine eigene Welt entwickeln, brauchen Synchronsprecher, Autoren, Designer, Serverstrukturen, meist arbeiten 200, 300, 400, ja 500 Leute an einem Titel über Jahre hinweg, ohne dass der in der Entwicklungszeit einen müden Cent einspielt.

SWTOR

SWTOR – ein leidiges Thema unter MMO-Veteranen. Noch heute wird den verpassten Möglichkeiten nachgetrauert.

Und es ist so schwierig damit Erfolg zu haben: Man konkurriert gegen Produkte, die jahrelang auf dem Markt sind, die bei Content und Features einen riesigen Vorsprung haben. Und genau das sind die beiden Sachen, auf die MMORPG-Fans so stehen.

[intense_blockquote color=“#ffffff“ border_color=“#fa2f2f“ width=“40%“ rightalign=“1″]Wenn die Games dann auf den Markt kommen, leiden sie häufig unter Kinderkrankheiten, können wie ein Fohlen zwar schon laufen, aber sind tapsig und fallen immer wieder um[/intense_blockquote]Wenn die Games dann auf den Markt kommen, leiden sie häufig unter Kinderkrankheiten, können wie ein Fohlen zwar schon laufen, aber sind tapsig und fallen immer wieder um. Und genau dann werden sie beurteilt, gewogen und abgetan. Genau hier entscheidet sich ihr Schicksal.

Da muss man nun kein Tränchen für die armen Studios rauspressen. Aber man muss verstehen, wie aufwendig es für sie ist, um unsere Gunst zu buhlen. Und dass sie eben kein Spiel machen können, das nur auf wenige zugeschnitten ist.

Die Games müssen eine Zielgruppe finden und wenn sie die eigentliche nicht erreichen können, dann versuchen Online-Games „außerhalb der Zielgruppe“ zu wildern. Titel wie Skyforge oder Destiny sind Erfolgsmodelle, weil sie eben nicht auf die „MMORPG“-Zielgruppe setzen, sondern auf die Shooter- oder MOBA-Zielgruppe. Das sind die neue Schulschönheiten, mit denen nun alle ausgehen wollen …

Aber warum sind wir das denn nicht mehr? Gibt es denn nicht genug von uns? Haben wir uns in den letzten Jahren wirklich so verändert? Sind wir weniger geworden?

Wer sind eigentlich MMORPG-Fans?

Mein MMO Fans

Die eigentlichen „MMORPG“-Fans, die Kernzielgruppe, die solche Games wie The Elder Scrolls Online oder WildStar erreichen müsste, um erfolgreich zu sein, ist zersplittert.

Es gibt verschiedenen Gruppen von MMORPG-Fans, die man gar nicht alle erreichen kann, weil ihre Spielstile und Ziele nicht zu vereinbaren sind. Eine Auswahl:

  • Der Power-Gamer: Will in einem Spiel das Maximum erreichen und das vorzugsweise in einem Game, das möglichst groß ist und von vielen gespielt wird. Wünscht sich WoW mit viel besserer Grafik.
  • Der Star-Wars-Galaxies-Veteran: Will in einem Spiel aufgehen und sich fallen lassen, am besten eine simulierte zweite Welt, die nach eigenen Gesetzen läuft. Wünscht sich Ultima Online mit besserer Grafik, noch mehr Features und dann schaut er mal, ob ihm das gefallen würde.
  • Der Ex-Hardcore-Zocker: Hat früher viel gespielt, jetzt ist er im Job, hat nur noch ein paar Stunden Zeit die Woche, will aber trotzdem ein Game haben, in dem er vorankommt und für ein paar Stunden so viel Spaß hat wie früher. Wünscht sich seine Jugend zurück.
  • Der Casual-Player: Findet die Idee mit Stufenaufstieg und schönerer Rüstung echt gut. Trifft sich gerne mit Freunden und unternimmt was, will aber auch nicht zu viel spielen müssen oder zu viel über das Game lesen. Wünscht sich sowas wie Farmville mit mehr MMORPG-Elementen … am besten auf dem Smartphone.

Und jetzt muss man sich vorstellen: Man will ein Game entwickeln, das genug Spieler aus diesen Zielgruppen erreicht. Und das sind noch lange nicht alle!

Skyforge Pantheon

Ob Skyforge den perfekten Bauplan liefert? Spoiler: Nein!

Also wenn das so ist, dann spiele ich es nicht!

Nur ist es noch so, dass es innerhalb dieser Zielgruppen verschiedene komplizierte Ausschlusskriterien gibt (die Zahlen sind frei erfunden).

  • Zum Beispiel lehnen 80% der Power-Gamer alles ab, was nicht die „Holy-Trinity“ aus Tank, Heiler und DD unterstützt.
  • Bei der zweiten Gruppe, den Veteranen, sind aber 70% dabei, die nur etwas spielen möchten, was über diese reine altbackene Klassen-Mechanik hinausgeht.
  • Und in jeder Gruppe sind 30% dabei, die Genderlock strikt ablehnen.
  • 20% wollen unbedingt eine zeitgemäße Grafik, die nur auf Top-Rechnern funktioniert.
  • 40% wollen nie wieder ein Fantasy-Szenario.
  • 30% finden Science-Fiction albern.
  • Einige wollen nur menschenähnliche Rassen spielen, andere solche auf gar keinen Fall.
  • Die einen wollen First-Person, die anderen könnten ruhig mal ISO ausprobieren.
  • Der eine zockt nichts ohne Housing, der nächste fasst etwas mit Daily Quests gar nicht mehr an.
  • Vollvertonte Quests sind für den einen das Nonplus-Ultra, für den anderen genau das, was MMORPGs kaputt gemacht hat.
  • Der erste will unbedingt PvP, der zweite nicht und der dritte spielt eigentlich kein PvP, will aber doch eins, weil’s irgendwie dazugehört.
  • Ein verpflichtendes Open-PvP ist für einige der Himmel, für die anderen die Hölle.
  • Für einige sind „kleine Zonen“ ein Graus.
  • Einer ruft: „Ohne Story fass ich das Spiel nicht an!“
  • Der nächste muss unbedingt ein Action-Kampfsystem haben, aber auch nicht zu hart, sondern … ja, genau richtig … perfekt muss es sein.
The Elder Scrolls Online

Pah! So muss das sein und nicht anders!

Das ist nicht verhandelbar!

Und all diese Wünsche und Ideen sind für bestimmte Teile der Gruppen nicht verhandelbar. Da reicht’s, wenn einer vor 6 Jahren mal schlechte Erfahrungen mit irgendeinem Game aus der zweiten Reihe gemacht hat. Die haben sich bei ihm festgesetzt und brechen sich nun Bahn als: Nie wieder Lava-Zonen! Es ist ein bisschen so, als hätte man in einem bestimmten Gemüse mal einen Wurm oder ein Insekt entdeckt und hat den klaren Schwur abgelegt: „Nie wieder Apfel!“

Klingt krass und so als würden wir übertreiben? Schaut Euch doch mal an, wie unter Neuvorstellungen von Spielen diskutiert wird.

Da heißt es unter Indie-Games: Das sieht aus wie aus den 80ern.

Unter Free2Play-Titeln: Ist bestimmt Pay2Win, die Abzocke tue ich mir nicht an.

Unter „klassischen Games“: WoW-Klone.

Unter „asiatischen Games“: Genderlock! Sowas spiel ich nicht.

Die vielleicht im Moment stärkste Alternative zu WoW „Final Fantasy XIV“ hat kürzlich wer rundheraus abgelehnt, denn: „Da sieht ja jede Rasse aus wie ein Mädchen!“

Natürlich sind auch die Entwickler Schuld

MMO-FailsDamit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich haben die Studios im Zuge der „Wir machen einfach wahnsinnig viel Geld, wenn wir ein Spiel bauen, das so ist wie WoW“-Ära viel kaputt gemacht. Und aus der Zeit kommt auch noch unser Gefühl: Es kommt ja schon in ein paar Monaten das nächste Game! Vielleicht ist das ja das richtige!

Aber wer sich die heutige zersplitterte MMORPG-Zielgruppe anschaut: Wer will es da den Studios verdenken, wenn man für die kein Spiel mehr zimmert, das genau ihren Vorstellungen entspricht?

Denn jede Splittergruppe ist für sich genommen zu klein, um ihnen ein Spiel „maßzuschneidern.“

Und mittlerweile ist der West-MMO-Markt so als Monetengrab gefürchtet, dass auch die Asia-MMOs andere Prioritäten setzen, als ihre Games hierherzubringen. Die schauen sich vorher erst ausführlich andere asiatische Länder und sogar Russland an. Bald wird man den Mobile-Markt für MMORPGs erschließen wollen – oder die Games gehen auf die Konsolen, weil hier die Erwartungshaltung noch nicht so hoch, die Stimmung noch nicht so feindselig ist.

Und wir schmollen, weil uns niemand mehr in die Eisdiele einladen will.

Was ist also zu tun?

Was bleibt jetzt zu tun, wo so ein düsteres Bild der Zukunft gezeichnet wird?

WildStar - TESO - Guild Wars 2

Zum einen kann man sich die Spiele anschauen, die es auf dem Markt zurzeit gibt, denn die sind längst keine tapsigen Fohlen mehr. Manche sind zu stolzen Rappen erblüht. 2015 wird eher ein Jahr, in dem man sich auf die bestehenden Titel konzentrieren sollte: Final Fantasy XIV (Heavensward) und Guild Wars 2 (Heart of Thorns) bekommen Erweiterungen, TESO 2015 hat mit dem aus 2014 nichts mehr zu tun und The Secret World hat erst kürzlich ein Makeover erhalten und ist ohnehin einen Blick wert.

Dann gibt es noch für die Fraktion, die sei Jahren MMORPGs aus der Vor-WoW-Zeit nachtrauert, Projekte von Indie-Entwicklern, denen es genauso geht, und die versuchen, dieser gereiften Zielgruppe etwas zu bieten.

Für Freunde der „WoW ist an allem Schuld“-These, empfehlen wir dieses Video:

Und zum anderen: So schwer es vielen sicher fällt, es müssen auch mal die eigenen Ansichten überdacht werden, ob wirklich jeder Wunsch gleich so in Stein gemeißelt ist, dass man davon einfach nicht abgehen kann und will. Die Ausgangslage hat sich geändert: Die Bewerber stehen nicht mehr Schlange.

Die Alternativen sind ein Genrewechsel oder man beschwert sich, dass die Studios einfach keine Spiele mehr für einen machen und dass es nur weichgespülte MMO-Light-Games gibt. Kann auch mal Spaß machen, nutzt sich aber ab.

Der MMORPG-Spieler, der im Genre in den nächsten Jahren was zu zocken haben möchte, wird lernen müssen, Kompromisse einzugehen. Man ist als Zielgruppe einfach nicht mehr so gefragt wie früher.

Schuhmann
Schuhmann, das L steht für Niveau.